Igor Fjodorowitsch Strawinski (, frz. Transkription
Igor Stravinski, engl. Transkription
Igor Stravinsky; * 5. Juni/1882 in Oranienbaum, Russland; ? 6. April 1971 in New York City) war ein russisch-französisch-US-amerikanischer Komponist und ein früher, bedeutender Vertreter der sogenannten "Neuen Musik" im 20. Jahrhundert. Strawinski wird ob seiner musikalischen Fähigkeiten, stets den Zeitgeist zu verfolgen, oft und vor allem in der Postmoderne als "Chamäleon" bezeichnet.
Leben
Strawinski war in hohem Maße ein Komponist seiner Zeit. Aufgewachsen in einem Apartement in St. Petersburg, dominiert von Vater und älterem Bruder, in jungen Jahren mit seiner Cousine verheiratet und bereits früh bekannt mit führenden russischen Dirigenten und Komponisten, scheint sein Leben von einer Art "Schnellkochtopf-Effekt" bestimmt, als er 1910 erstmals nach Paris reist, um dort den
Feuervogel und später die Nachfolgewerke
Petruschka und
Le sacre du printemps aufzuführen. In diesen Werken zeigt Strawinsky mehr als nur unterschwellig eine "lange Nase" oder - wie Strawinsky selber es ausdrückte - "sending them all to hell".
Dass er sich in einer derart restriktiven Umgebung eine intakte Persönlichkeit bewahrte, ist Zeugnis für seinen unstillbaren Entdeckerdrang, der sein ganzes Leben lang anhalten sollte. Er legte ein unermüdliches Verlangen an den Tag, über Kunst, Literatur und das Leben selber zu lernen und zu forschen. Es überrascht wenig, dass seine russische Vergangenheit mit dem nach innen gerichteten Kulturleben schon bald sehr eingeschränkt und provinziell auf ihn wirkte und sein Verlangen nach der Außenwelt erhöhte.
Relativ kleinwüchsig und nach konventionellen Maßstäben nicht unbedingt eine Schönheit, war Strawinski, wie viele Bilder zeigen, bemerkenswert fotogen. Nachdem zumindest der physischen Seite seiner Ehe mit
Jekaterina ein Ende gesetzt wurde, als diese an Tuberkulose erkrankte, scheint Strawinsky mühelos die Beachtung von Frauen der Gesellschaft wie Coco Chanel auf sich gezogen zu haben.
Seit 1920 lebte Strawinski vorwiegend in Frankreich; 1934 wurde er französischer Staatsbürger.
Auftraggeber
Auch Mäzene waren nicht weit. In den frühen 1920ern ließ Leopold Stokowski ihn regelmäßig durch einen Strohmann unterstützen. Auch war Strawinski in bemerkenswertem Maße stets in der Lage, Kommissionen zu gewinnen. Der Großteil seiner Werke seit dem
Feuervogel wurde für spezielle Anlässe komponiert und bezahlt. Igor Strawinski war somit in der Lage, dem Problem so vieler Komponisten zu entgehen: der Notwendigkeit einer gewöhnlichen täglichen Arbeitsstelle.
Persönlichkeit
Für jemanden, der in einer stark einschränkenden Umgebung aufwuchs, zeigte er sich als bemerkenswert erfahrener "Mann von Welt", er erwarb im Gegensatz zu den meisten Komponisten darüber hinaus ein feines Gespür für Geschäftsangelegenheiten (obwohl nicht verschwiegen werden sollte, dass seine Copyright-Probleme ebenfalls legendär sind).
Als Pianist und Dirigent trat er entspannt und ohne Probleme erfolgreich auf den Bühnen der Welt auf: in Paris, Venedig, Berlin, London und New York.
Hierin zeigt sich ein Schlüssel zu seiner Persönlichkeit. Die meisten Leute, welche aufgrund von Aufführungen Beziehungen zu ihm unterhielten, beschrieben ihn als höflich, zuvorkommend und hilfsbereit. Otto Klemperer beispielsweise, der auch Schönberg gut kannte, beschrieb Strawinsky als stets kooperativ und unkompliziert. Gleichzeitig legte Strawinski eine aristokratische Geringschätzung gegenüber gesellschaftlich geringer Gestellten an den Tag: Robert Craft war peinlich berührt von Strawinskis Angewohnheit, in Restaurants mit einer Gabel an ein Glas schlagend laut Aufmerksamkeit zu verlangen.
Zweite Ehe in den USA
Strawinski war ein Familienmensch, der einen beachtlichen Teil seiner Zeit, Anstrengungen und Ausgaben auf seine Söhne und Töchter verwendete. Trotzdem entstand nach seinem Tode ein Streit um seinen Besitz und seine Aufführungsrechte, was seiner Witwe Vera die verbleibenden Jahre verbitterte.
Diese bemerkenswerte Dame war zunächst mit dem Maler und Bühnenbildner Serge Sudeikin verheiratet. Aber Strawinski fing bald eine Affäre mit ihr an, worauf sie ihren Ehemann verließ. Von diesem Zeitpunkt an führte Strawinsky bis zum Tod seiner Frau (1939) ein Doppelleben, in dem er seine Zeit zwischen seiner ersten Familie und Vera aufteilte. Jekaterina Strawinski erfuhr bald von der Beziehung und akzeptierte sie als unausweichlich und dauerhaft.
Nach ihrem Tod heirateten Strawinski und Vera in New York (1940), wohin sie aus Frankreich vor dem Krieg geflohen waren (Strawinski war als Russe in Deutschland in der Zeit des Nationalsozialismus nicht erwünscht). Für den Rest seines Lebens unterstützte Vera Strawinski ihn zunehmend in der zunächst fremden Umgebung, es existieren zahlreiche Geschichten über ihre unermüdlichen Bemühungen um sein Wohlergehen und die Ruhe, die er zum Komponieren benötigte. Zwar hatte sich Strawinski an das Leben in Frankreich gewöhnt, aber mit 58 Jahren nach Amerika auszuwandern war eine andere Angelegenheit, auch wenn er bereits 1946 die US-amerikanische Staatsbürgerschaft erwarb. Eine Zeit lang unterhielt er einen Freundeskreis aus ausgewanderten russischen Freunden und Kontakten. Letztendlich erkannte er aber, dass dies sein künstlerisches und berufliches Leben in den USA nicht würde unterstützen können.
Als er zusammen mit
W. H. Auden eine Oper plante, traf die Notwendigkeit, mehr Vertrautheit mit der englischsprechenden Welt zu gewinnen, mit der Ankunft des Komponisten und Musikers
Robert Craft in seinem Leben zusammen. Dieser blieb bis zu seinem Tod mit ihm zusammen und fungierte als Übersetzer, Chronist, assistierender Dirigent und Faktotum für unzählbare musikalische und gesellschaftliche Aufgaben.
Inspiration
Strawinski verfügte über einen breit gefächerten Literaturgeschmack, der sein fortwährendes Verlangen nach neuen Entdeckungen widerspiegelt. Die Texte und Literaturquellen seiner Arbeit begannen mit einem Interesse an russischer Folklore, erstreckten sich über klassische Autoren und die lateinische Liturgie bis hin zu gegenwärtiger französischer (André Gide,
Persephone) und englischer Literatur (Auden, T. S. Eliot), die englische Bibel in der "King James Version" aus dem Jahre 1611 und mittelalterliche englische Dichtung. Gegen Ende seines Lebens setzte er sogar hebräische Schrift in
Abraham und Isaak ein. In seinen späteren Jahren war er ein begeisterter Anhänger des Spiels
Scrabble.
Populäre Werke
Eines seiner berühmten Werke war das Opernstück
Seberotti di Jombano, das sehr berühmt wurde und heute immer noch in vielen Ländern gespielt wird. Einem breiten Publikum ist Strawinski auch durch den Film
Fantasia (1940) bekannt geworden, in dem Walt Disney und seine Künstler die Musik aus
Le Sacre du Printemps in der Schöpfungs- und Dinosaurier-Sequenz in Bilder umsetzten.
Grab
Strawinski wurde auf der Friedhofsinsel San Michele von Venedig beigesetzt.
Werk
Er schrieb vor allem Werke im neoklassizistischen und folkloristischen Stil (vgl. Bela Bartok), wichtige Stilmittel seiner Musik waren die Polytonalität und eine ausgeprägte Rhythmik, in denen sich Einflüsse der Unterhaltungsmusik widerspiegeln. Strawinski komponierte in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts auch serielle Werke. Überhaupt ließ er viele verschiedene Einflüsse in seine Musik einfließen, ohne jedoch seine persönlichen Ausdrucksqualitäten zu überdecken.
Seine bekanntesten Werke entstammen seiner frühen russischen Periode:
Der Feuervogel,
Petruschka und
Le sacre du printemps. Diese Ballette führten praktisch zu einer Renaissance des Genres. Strawinsky schrieb auch für ein breites Spektrum von Ensemble-Kombinationen und klassischen Formen. Sein Werk reicht von Symphonien und Opern bis hin zu Klavier-Miniaturen.
Weiterhin erlangte Strawinski Berühmtheit als Pianist und Dirigent, oft mit Uraufführungen seiner eigenen Werke. Außerdem war er als Autor tätig. Mithilfe seines Protegés Robert Craft, der ihn in Hinblick auf die englische Sprache unterstützte, erstellte Strawinski ein theoretisches Werk
Poetics of Music. Darin stellt er die bekanntgewordene Behauptung auf, dass Musik "nichts als sich selbst ausdrücken kann". Craft übersetzte auch verschiedene Interviews mit dem Komponisten, die als
Conversations with Stravinsky publiziert wurden.
Als kosmopolitischer Russe war Strawinski sowohl im Westen als auch in seiner Heimat einer der bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Theodor W. Adorno hat in seiner "Philosophie der Neuen Musik" (erschienen 1949) den Komponisten als Antipoden zu Schönberg dargestellt, wodurch er ihm hohen Respekt in Bezug auf seine kompositorischen Fähigkeiten zollte, über In Hinsicht auf die Aussage von Musik sind die Positionen Adornos und des Komponisten ähnlich. Andererseits kritisierte Adorno den Stil des Neoklassizismus als Absud bereits gewesener Musik. Potentiell positiv sei daran nur ein Erkenntnisgewinn dadurch, dass das Zerfallsmoment der klassischen Musik deutlicher hervortrete.
Ehrungen
- Igor Strawinski erhielt zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem 1963 den Wihuri-Sibelius-Preis.
- Ihm wurde ein Stern auf dem Hollywood Walk of Fame im 6340 Hollywood Boulevard gewidmet.
- In Paris ist vor dem Centre Georges Pompidou ein Platz nach ihm benannt, auf dem der Strawinski-Brunnen steht, der seine Werke skulptural umsetzt.
Werke (Auswahl)
Klavierwerke
- Sonate pour piano (1924)
- 4 Etüden op. 7 (1908)
- Serenade en la (in A) (1925)
- Piano-Rag-Musik (1919)
- Trois mouvements de "Pétrouchka" (2- und 4-händige Version) (1921)
- Concerto (2 Klavier)
- Die gelbe Engelotte(1905)
Opern und Bühnenwerke
thumb|Szenische Uraufführung der Sintflut am 30. April 1963
- Le Rossignol (1914)
- Mavra (1922)
- Histoire du Soldat (Die Geschichte vom Soldaten) (1918)
- Les Noces (Die Bauernhochzeit) (1923)
- Oedipus Rex (1927/1948)
- The Rake's Progress (1951)
- Le Renard (Reinecke Fuchs) (1915)
- Perséphone (Tanzmelodram in 3 Teilen)
- Die Sintflut (1963)
Ballette
- L'Oiseau de feu (Der Feuervogel) (1910)
- Petruschka (1911/revidiert 1946)
- Le sacre du printemps (1913/revidiert 1922/1943)
- Pulcinella (1920)
- Les Noces (1923)
- Apollon Musagète (1928/revidiert 1947)
- Le Baiser de la fée (Der Kuss der Fee) (1928/revidiert 1950)
- Jeu de cartes (Das Kartenspiel) (1936)
- Orpheus (1957)
- Agon (1953/1964)
Orchesterwerke
- Sinfonie Es-Dur op. 1 (1905-07)
- Faune et bergère Suite für Gesang und Orchester, op.2
- Le chant du rossignol Sinf. Dichtung (1917)
- Concerto en ré pour violon et orchestre (1931)
- Konzert in Es für Kammerorchester "Dumbarton Oaks" (1937/38)
- Sinfonie in C (1939/40)
- Sinfonie in 3 Sätzen (1942-45)
- Symphonies d'instruments à vent für 23 Blasinstrumente (1920/1945?1947)
- Oktett (1922?1923)
- Sinfonia
- Thema con variazioni
- Finale
- Concerto - für Klavier und Blasorchester (1923?1924)
- Circus Polka (1942)
- Scherzo à la Russe (1944)
- Ebony Concerto (1946)
- Allegro moderato
- Andante
- Moderato
- Fanfare for a new Theatre (1964)
Vokalwerke
- Psalmensinfonie für Chor und Orchester (1930/1949)
- Mass für Chor und Orchester (UA 1948)
- Pater noster Motette für gem. Chor
- Ave Maria für gem. Chor
Sonstiges
Strawinski wurde auf einer modernen russischen Münze (aus Platin) verewigt.
Weblinks
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